Die Ballade der Carol Welsh Gesamtausgabe
Die Ballade der Carol Welsh Gesamtausgabe 1
Martin Frei
Hardcover, 124 Seiten, farbig
€ 32,00
ISBN 978-3-949987-99-1
Zack Edition
Die Ballade der Carol Welsh – Gesamtausgabe 1 von Martin Frei ist ein bemerkenswerter Band, dessen Geschichte fast ebenso spannend ist wie die Westernhandlung selbst. Als vor einigen Jahren bekannt wurde, dass Frei ein Abenteuer zeichnen würde, das unmittelbar an ein klassisches Album der legendären Serie Blueberry anknüpft, war die Begeisterung unter Westernfans entsprechend groß. Schließlich gehört Der Mann mit dem Silberstern zu den prägenden Werken des frankobelgischen Westerncomics, geschaffen von den beiden Meistern Jean-Michel Charlier und Jean Giraud. Die Vorstellung, eine Art Fortsetzung oder zumindest eine Geschichte im direkten Umfeld dieser ikonischen Serie zu lesen – noch dazu von einem deutschen Zeichner – besaß für viele Leser einen ganz besonderen Reiz.
Doch genau diese Nähe zur berühmten Vorlage wurde letztlich zum Problem. Die erste Veröffentlichung von Die Ballade der Carol Welsh stellte in Figurenkonstellationen, Motiven und erzählerischen Anspielungen eine deutlich erkennbare Verbindung zur Welt von Blueberry her, ohne dass eine offizielle Lizenz vorlag. Rechtliche Fragen ließen daher nicht lange auf sich warten. Der Band musste schließlich aus dem Handel genommen werden. Für Sammler entwickelte sich die vorab ausgelieferte limitierte Luxusausgabe sofort zu einem kuriosen Sammlerstück, für den Künstler selbst bedeutete der Rückzug aus dem Verkauf jedoch einen empfindlichen Rückschlag.
Die nun vorliegende Gesamtausgabe ist deshalb weit mehr als eine einfache Neuauflage. Martin Frei hat die Geschichte gründlich überarbeitet und sämtliche direkten Bezüge zu Blueberry entfernt. Namen wurden verändert, visuelle Anspielungen abgeschwächt oder neugestaltet, und auch einige erzählerische Verbindungen wurden angepasst. Dadurch steht die Geschichte nun vollständig auf eigenen Beinen. Interessanterweise verliert sie durch diese Änderungen nichts von ihrer Wirkung. Im Gegenteil: Während die ursprüngliche Version stark vom nostalgischen Echo der berühmten Vorlage lebte, wirkt die überarbeitete Fassung erzählerisch geschlossener und eigenständiger.
Im Mittelpunkt steht nun deutlicher die Titelfigur Carol Welsh. Ihre Motivation, ihre innere Zerrissenheit und ihr Verhältnis zu den Ereignissen treten stärker hervor. Die Geschichte entfaltet sich dadurch weniger als indirekte Fortführung eines bekannten Mythos, sondern vielmehr als klassisches Westerndrama über Loyalität, Schuld und persönliche Verantwortung. Der Fokus verschiebt sich von der Referenz zum Original hin zur eigenständigen Figurenentwicklung und zur Atmosphäre der Handlung.
Grafisch zeigt sich Martin Frei in diesem Band in hervorragender Form. Sein Stil ist fest in der Tradition des klassischen frankobelgischen Westerncomics verwurzelt. Weite Landschaften, staubige Straßen, markante Gesichter und eine expressive Körpersprache bestimmen die Panels. Natürlich erkennt man die Schule von Jean Giraud, dessen Einfluss auf nahezu jeden europäischen Westernzeichner spürbar ist. Dennoch bleibt Freis Handschrift unverkennbar. Seine Figuren wirken lebendig und glaubwürdig, und die Inszenierung der Szenen besitzt ein sehr gutes Gespür für Rhythmus und Spannung.
Gerade in der überarbeiteten Fassung scheint das Artwork sogar befreiter zu wirken. Da die Geschichte nicht mehr im direkten Schatten einer ikonischen Figur steht, kann sie ihre eigene visuelle Identität entfalten. Die zusätzlich eingefügten, bislang unveröffentlichten Seiten fügen sich dabei erstaunlich harmonisch in das Gesamtwerk ein. Sie vertiefen sowohl die Atmosphäre als auch die Figurenzeichnung und geben der Handlung mehr Raum zur Entfaltung.
Auch die Ausstattung der Gesamtausgabe trägt wesentlich zum positiven Eindruck bei. Das Hardcover umfasst 124 farbige Seiten und vermittelt eine hochwertige Präsentation. Besonders interessant ist der redaktionelle Beitrag von Sven Krantz-Knutzen, der die Entstehungsgeschichte des Projekts detailliert beleuchtet. Gerade dieser Hintergrundtext macht deutlich, welche ungewöhnliche Publikationsgeschichte hinter dem Band steht und warum die vorliegende Ausgabe gewissermaßen eine zweite Geburt des Werks darstellt.
Hinzu kommt eine umfangreiche Pin-up-Galerie, die weit mehr ist als bloßes Bonusmaterial. Die Illustrationen wirken wie eine visuelle Liebeserklärung an den klassischen Westerncomic und zeigen deutlich Freis Leidenschaft für das Genre. Für Fans ist dieser Abschnitt eine willkommene Ergänzung, die den Band zusätzlich aufwertet.
Ganz ohne kleine Reibungspunkte bleibt das Werk dennoch nicht. Wer die ursprüngliche Version kennt, wird an einigen Stellen noch spüren, dass diese Geschichte ursprünglich in einem anderen Kontext gedacht war. Einige Szenen tragen noch Spuren dieser ersten Konzeption in sich. Das ist kein wirklicher Bruch, aber es erinnert daran, dass hier ein Werk nachträglich transformiert wurde. Zudem ist das Erzähltempo bewusst klassisch gehalten. Die Handlung entfaltet sich ruhig und beinahe gemessen, was nicht jedem modernen Leser entgegenkommen dürfte, der an schneller erzählte Western gewöhnt ist.
Dennoch bleibt Die Ballade der Carol Welsh – Gesamtausgabe 1 ein faszinierendes Projekt. Der Band erzählt nicht nur eine atmosphärische Westernstory, sondern steht selbst für eine ungewöhnliche Entwicklung innerhalb der Comicwelt. Aus einer problematischen Hommage an eine legendäre Serie ist ein eigenständiges Werk entstanden, das heute mit eigener Identität überzeugen kann. Für Liebhaber klassischer Westerncomics ist dieser Band daher aus zwei Gründen interessant: wegen seiner stimmungsvollen Geschichte – und wegen der bemerkenswerten Geschichte hinter seiner Entstehung.
