Green Witch Village
Green Witch Village
Green Witch Village
Zeichnung: Franck Biancarelli
Szenario: Lewis Trondheim
€ 22,80 | gebunden | Farbe | 104 Seiten
ISBN: 978-3-96582-220-7
Schreiber & Leser
„Green Witch Village“ ist so ein Comic, bei dem man schon nach wenigen Seiten merkt, dass hier zwei Könner ihres Fachs zusammenarbeiten – und zwar nicht, um etwas Lautes oder Spektakuläres zu erschaffen, sondern etwas Eigenwilliges, Atmosphärisches und erstaunlich Nachhaltiges.
Lewis Trondheim liefert ein Szenario, das auf den ersten Blick fast unscheinbar wirkt: ein abgelegenes Dorf, irgendwo zwischen Märchen, Folklore und einer leicht schrägen Alltagsrealität. Doch genau darin liegt die Stärke. Die Geschichte entfaltet sich ruhig, beinahe beiläufig, und zieht einen dabei immer tiefer hinein. Es ist kein Plot, der von großen Wendungen lebt, sondern von Stimmungen, kleinen Beobachtungen und diesem leicht versponnenen Humor, den Trondheim perfekt beherrscht. Immer wieder blitzen absurde Momente auf, die aber nie Selbstzweck sind, sondern ganz organisch aus dieser Welt heraus entstehen.
Was besonders gut funktioniert: die Balance zwischen Wärme und unterschwelliger Fremdheit. Das Dorf wirkt vertraut, fast gemütlich – und gleichzeitig hat man ständig das Gefühl, dass unter der Oberfläche etwas Merkwürdiges brodelt. Diese leise Irritation zieht sich durch das ganze Buch und macht einen großen Teil seines Reizes aus.
Franck Biancarellis Zeichnungen sind dafür die ideale Ergänzung. Sein Stil ist detailreich, ohne überladen zu sein, und trifft genau diesen Ton zwischen Idylle und Skurrilität. Die Figuren wirken lebendig und eigen, jede Mimik sitzt. Besonders stark sind die Hintergründe: das Dorf, die Natur, die kleinen Details – alles wirkt durchdacht und trägt zur dichten Atmosphäre bei. Die Farbgebung unterstreicht das zusätzlich: warm, oft erdig, mit genau den richtigen Akzenten, um Stimmung zu erzeugen, ohne sich in den Vordergrund zu drängen.
Was mir persönlich besonders gefallen hat, ist die Entschleunigung. „Green Witch Village“ nimmt sich Zeit – für seine Figuren, für seine Welt, für kleine, scheinbar nebensächliche Momente. Das ist kein Comic, den man einfach „wegliest“. Man bleibt hängen, schaut sich Panels länger an, entdeckt Details erst beim zweiten Blick. Genau das macht ihn so angenehm anders.
Auch die Figuren sind kein klassisches Ensemble mit klaren Heldenrollen. Stattdessen bekommt man eine Reihe von Charakteren, die alle ihre Eigenheiten haben und gerade dadurch glaubwürdig wirken. Man fühlt sich fast wie ein Besucher in diesem Dorf, der nach und nach versteht, wie die Dinge hier funktionieren – oder eben auch nicht.
Insgesamt ist „Green Witch Village“ ein Comic, der weniger auf unmittelbare Wirkung setzt, sondern sich langsam entfaltet und dann lange im Kopf bleibt. Kein lautes Meisterwerk, sondern ein leises, sehr stimmiges Stück Comic-Erzählkunst, das vor allem durch Atmosphäre, feinen Humor und visuelle Qualität überzeugt.
Für Fans von Trondheim sowieso Pflicht – aber auch alle, die Comics mögen, die ein bisschen abseits des Mainstreams liegen, sollten hier definitiv einen Blick riskieren.