Aus der Spur 1 Davor
Pierre Lemaitre, Pascal Bertho, Guiseppe Liotti
Hardcover, 72 Seiten, farbig, 32 x 24 x 0,9 cm
ISBN: 9783949987953
24,00 €
Zack Edition
Was geschieht mit einem Menschen, der nach einem erfolgreichen Berufsleben plötzlich nicht mehr gebraucht wird? Wie lange lassen sich Demütigungen, finanzielle Sorgen und gesellschaftliche Ausgrenzung ertragen, bevor die Verzweiflung in Wut umschlägt? Mit „Aus der Spur“ liefert die ZACK-Edition den Auftakt einer ebenso packenden wie bitterbösen Comicadaption des Romans von Pierre Lemaitre. Pascal Bertho hat die Geschichte für das Medium Comic aufbereitet, während Giuseppe Liotti mit seinen ausdrucksstarken Zeichnungen für die passende Atmosphäre sorgt.
Alain Delambre ist 57 Jahre alt und war einmal ein erfolgreicher Personalmanager. Doch seit vier Jahren ist er arbeitslos, seine Bewerbungen bleiben erfolglos und seine beruflichen Perspektiven schwinden zunehmend. Um wenigstens etwas Geld zu verdienen, nimmt er schlecht bezahlte Gelegenheitsjobs an, die weit unter seinen Qualifikationen liegen. Besonders die Arbeit in einem Lager setzt ihm zu, denn sein Vorgesetzter nutzt seine Machtposition schamlos aus. Alain ist längst an einem Punkt angekommen, an dem sich Frustration und verletzter Stolz zu einer gefährlichen Mischung verbinden.
Als sich überraschend die Gelegenheit bietet, wieder eine Führungsposition zu übernehmen, scheint endlich ein Ausweg in Sicht. Doch das Auswahlverfahren hat es in sich. Die Bewerber sollen an einem ungewöhnlichen Rollenspiel teilnehmen, bei dem eine Geiselnahme simuliert wird. Alain setzt alles auf diese letzte Chance, verschuldet sich und entfremdet sich zunehmend von seiner Familie. Seine Frau und seine beiden Töchter erkennen den Mann, den sie einmal kannten, kaum noch wieder.
Bereits die ersten Seiten machen deutlich, dass die Ereignisse keineswegs glimpflich ausgehen werden. Alain wird von einem Sondereinsatzkommando festgenommen. Wie es dazu kommen konnte, enthüllt die Geschichte anschließend in geschickt eingesetzten Rückblenden. Dabei entwickelt sich aus dem zunächst realistischen Sozialdrama ein zunehmend beklemmender Psychothriller, dessen Hauptfigur immer tiefer in einen Strudel aus Verzweiflung, Wut und irrationalen Entscheidungen gerät.
Besonders reizvoll ist dabei, dass Alain keineswegs als sympathischer Held gezeichnet wird. Seine Verbitterung ist nachvollziehbar, seine Reaktionen sind es häufig nicht. Man empfindet durchaus Mitleid mit ihm, möchte ihn angesichts seiner Entscheidungen aber gelegentlich auch kräftig durchschütteln. Gerade diese Widersprüchlichkeit verleiht der Geschichte ihre Glaubwürdigkeit. Lemaitre und Bertho verzichten auf einfache Schuldzuweisungen und zeigen stattdessen, wie schnell ein Mensch unter gesellschaftlichem und wirtschaftlichem Druck seine moralischen Grenzen verschieben kann.
Die eigentliche Stärke des Comics liegt in der Verbindung aus spannender Unterhaltung und bissiger Gesellschaftskritik. Der Umgang mit älteren Arbeitnehmern, die Arroganz vermeintlich unantastbarer Führungskräfte und die menschenverachtenden Mechanismen der modernen Arbeitswelt werden mit einer gehörigen Portion Zynismus vorgeführt. Dabei ist die Geschichte stellenweise von einem derart schwarzen Humor geprägt, dass einem das Lachen durchaus im Halse stecken bleibt.
Giuseppe Liotti findet dafür eine ausgezeichnete Bildsprache. Seine Zeichnungen bewegen sich zwischen realistischem Detailreichtum und bewusst überzeichneter Charakterdarstellung. Besonders die Gesichter haben es in sich. Überheblichkeit, Verachtung, Angst und blanke Verzweiflung spiegeln sich in einer Mimik wider, die gelegentlich beinahe groteske Züge annimmt. Gleichzeitig überzeugen die sorgfältig ausgearbeiteten Hintergründe, die selbst unscheinbare Büros, Lagerhallen und alltägliche Schauplätze mit einer bemerkenswerten Lebendigkeit versehen. Das verleiht der Geschichte eine beinahe filmische Wirkung und unterstreicht ihre bedrückende Atmosphäre.
Pierre Lemaitres Romane scheinen ohnehin wie geschaffen für Comicadaptionen. Nach „Wir sehen uns oben“ und „Brigade Verhoeven“, das ebenfalls von Pascal Bertho bearbeitet wurde und im ZACK-Magazin erscheint, beweist auch „Aus der Spur“, wie gut sich seine vielschichtigen Geschichten in Bildern erzählen lassen. Der Stoff wurde unter dem Originaltitel „Dérapages“ bereits als sechsteilige französische Fernsehserie umgesetzt, die hierzulande bei arte 2020 unter dem Titel „Aus der Spur“ zu sehen war.
Mit „Davor“ legt die ZACK-Edition einen überzeugenden Auftakt vor, der weit mehr zu bieten hat als eine gewöhnliche Kriminalgeschichte. Die psychologisch interessante Hauptfigur, die schonungslose Gesellschaftskritik und die hervorragenden Zeichnungen ergeben einen fesselnden Thriller, der seine Spannung nicht allein aus der Handlung, sondern vor allem aus den menschlichen Abgründen bezieht. Die 72 Seiten sind jedenfalls viel zu schnell gelesen, und nach diesem Einstieg möchte man unbedingt erfahren, wie weit Alain Delambre noch gehen wird. Ein ebenso intelligenter wie unterhaltsamer Comic für Freunde anspruchsvoller frankobelgischer Thriller.