Familie Labourdet
Familie Labourdet 1 Weder du ... noch er
Jean Graton
Hardcover, 144 Seiten, farbig, 32 x 24 x 1,5 cm
ISBN: 9783949987922
39,00 €
Zack Edition
Wer bei Jean Graton ausschließlich an schnelle Rennwagen, spektakuläre Überholmanöver und Michel Vaillant denkt, dürfte mit „Familie Labourdet“ eine ausgesprochen angenehme Überraschung erleben. Denn der belgische Comicmeister konnte weit mehr als nur Motorsportgeschichten zeichnen. Gemeinsam mit seiner Ehefrau Francine schuf er 1966 eine Familienserie, die uns mitten in den französischen Alltag der 1960er-Jahre entführt. Die ZACK-Edition macht diese hierzulande weitgehend unbekannte Comicperle nun endlich einem deutschen Publikum zugänglich und präsentiert die ersten Abenteuer in einem großformatigen Hardcoverband.
Im Mittelpunkt steht die Familie Labourdet, die in einem Vorort von Paris lebt und auf den ersten Blick ein vollkommen gewöhnliches Leben führt. Familienoberhaupt Georges ist ein erfolgreicher, pflichtbewusster Geschäftsmann, der gewohnt ist, Entscheidungen zu treffen und auch innerhalb der eigenen vier Wände das letzte Wort zu haben. Seine Frau kümmert sich um Haushalt und Familie, während die Kinder längst ihre eigenen Vorstellungen vom Leben entwickeln. Die 25-jährige Françoise arbeitet als Stewardess und muss sich zwischen beruflicher Selbstständigkeit und ihren Gefühlen entscheiden. Ihr jüngerer Bruder Pierrot begeistert sich vor allem für Motoren und Technik, obwohl sein Vater für ihn eine kaufmännische Laufbahn vorgesehen hat. Der zehnjährige Marcel sorgt mit seinen Streichen regelmäßig für Unruhe, und dann wäre da noch der Großvater, ein lebenslustiger alter Herr, der sich nur ungern an die Regeln der jüngeren Generation hält.
Schon diese Figurenkonstellation bietet reichlich Stoff für unterhaltsame Geschichten. Francine Graton erzählt von den kleinen und großen Problemen des Familienlebens, von unterschiedlichen Vorstellungen über Liebe und Partnerschaft, beruflichen Erwartungen und den unvermeidlichen Konflikten zwischen den Generationen. Besonders Françoise steht im Mittelpunkt des Geschehens. Ihr Wunsch, als Stewardess die Welt kennenzulernen, kollidiert mit den gesellschaftlichen Erwartungen jener Zeit, in der die berufliche Unabhängigkeit einer jungen Frau keineswegs selbstverständlich war. Die Entscheidung zwischen Liebe und Karriere wird damit zum zentralen Thema des titelgebenden Abenteuers „Weder du … noch er“.
Dabei ist die Serie weit mehr als eine harmlose Familienkomödie. Hinter den alltäglichen Auseinandersetzungen verbirgt sich ein durchaus interessantes Zeitbild. Die Rollenverteilung innerhalb der Familie entspricht noch weitgehend den gesellschaftlichen Vorstellungen der 1960er-Jahre. Der Vater bestimmt, die Mutter vermittelt, und die Kinder sollen möglichst den vorgezeichneten Weg einschlagen. Dass dies nicht immer funktioniert, sorgt für reichlich Konfliktstoff. Aus heutiger Sicht wirken manche Ansichten natürlich reichlich überholt, doch gerade das macht einen wesentlichen Teil des nostalgischen Reizes aus. Francine Graton beobachtet ihre Figuren mit viel Sympathie und einem feinen Gespür für zwischenmenschliche Spannungen, ohne dabei auf Humor und gelegentliche dramatische Zuspitzungen zu verzichten.
Für mich liegt der eigentliche Höhepunkt allerdings in den Zeichnungen von Jean Graton. Wer seine klassischen Michel-Vaillant-Alben kennt, fühlt sich vom ersten Bild an zu Hause. Die klare Linienführung, die sorgfältig ausgearbeiteten Hintergründe und die realistische Darstellung von Menschen, Gebäuden und Fahrzeugen tragen unverkennbar seine Handschrift. Besonders auffällig ist die Ähnlichkeit einiger Charaktere mit den bekannten Figuren aus „Michel Vaillant“. Man glaubt gelegentlich, Michel Vaillant oder Steve Warson in leicht veränderter Gestalt wiederzuerkennen. Vor allem die markanten Gesichtszüge, Frisuren und die typische Mimik erinnern stark an Gratons berühmte Rennfahrer. Das ist keineswegs störend, sondern sorgt bei langjährigen Fans für ein zusätzliches Vergnügen.
Bemerkenswert ist zudem, mit welcher Sorgfalt Graton den französischen Alltag jener Jahre einfängt. Die Kleidung, die Wohnungseinrichtungen, die Straßenbilder und natürlich die Automobile vermitteln ein wunderbares Gefühl für die damalige Zeit. Während bei Michel Vaillant Rennstrecken und Sportwagen im Mittelpunkt stehen, sind es hier Wohnzimmer, Cafés, Büros und die Straßen der Pariser Vororte. Graton beweist eindrucksvoll, dass er auch ohne rasante Rennszenen eine lebendige und glaubwürdige Bilderwelt erschaffen konnte. Seine Figuren agieren mit einer ausgeprägten Körpersprache, die selbst alltägliche Gespräche interessant macht. Besonders die weiblichen Charaktere sind mit großer Eleganz und viel Liebe zum Detail gezeichnet.
Auch die klassische Seitengestaltung trägt zum Charme der Serie bei. Die übersichtliche Panelaufteilung, die sorgfältige Bildkomposition und die harmonische Farbgebung erinnern an die große Zeit des frankobelgischen Abenteuercomics. Man merkt den Zeichnungen an, dass sie aus einer Epoche stammen, in der noch jedes Bild von Hand ausgearbeitet wurde und selbst nebensächliche Details besondere Aufmerksamkeit erhielten. Gerade im großzügigen Format der ZACK-Edition kommt diese handwerkliche Qualität hervorragend zur Geltung.
Ursprünglich erschien „Les Labourdet“ ab 1966 in der Jugendbeilage „Junior“ der belgischen Frauenzeitschrift „Chez Nous“. Francine Graton, die gelegentlich auch an den Geschichten ihres Mannes mitarbeitete, übernahm die Szenarios, während Jean Graton für die Zeichnungen verantwortlich zeichnete. Die Serie brachte es bis 1972 auf neun längere Abenteuer, die in Frankreich später auch als eigenständige Alben veröffentlicht wurden
Besonders erfreulich ist die Entscheidung der ZACK-Edition, die komplette Serie in drei großformatigen Hardcoverbänden zu veröffentlichen. Die neun Abenteuer werden damit erstmals in einer zusammenhängenden deutschen Ausgabe zugänglich gemacht. Ergänzt werden die Comics durch redaktionelle Beiträge von Gerhard Förster, der sich seit vielen Jahren intensiv mit Jean Graton und seinem Werk beschäftigt. Diese zusätzlichen Informationen zur Entstehung der Serie und ihrem zeitgeschichtlichen Hintergrund sind gerade für Sammler und Freunde klassischer frankobelgischer Comics eine willkommene Bereicherung.
Natürlich darf man von „Familie Labourdet“ keine spektakulären Abenteuer im Stil von Michel Vaillant erwarten. Hier geht es nicht um gefährliche Rennen oder internationale Intrigen, sondern um Liebe, familiäre Auseinandersetzungen, berufliche Wünsche und die kleinen Katastrophen des Alltags. Die Erzählweise ist entsprechend ruhiger und gelegentlich auch etwas altmodisch. Doch gerade darin liegt ihre besondere Stärke. Die Geschichten besitzen eine angenehme Leichtigkeit und einen nostalgischen Charme, wie man ihn heute nur noch selten findet.
Mit „Familie Labourdet“ hat die ZACK-Edition einen weiteren Schatz aus der großen Zeit des frankobelgischen Comics gehoben. Francine Gratons unterhaltsame Familiengeschichten und die wunderschönen Zeichnungen ihres Mannes ergänzen sich zu einem ebenso charmanten wie interessanten Zeitdokument. Besonders für Bewunderer von Jean Gratons Zeichenkunst ist dieser Band eine echte Entdeckung, denn hier lässt sich eine weniger bekannte Seite seines Schaffens kennenlernen.
Ein herrlich nostalgischer Comic-Klassiker, der nicht nur Sammler begeistern dürfte und bei dem man sich schon jetzt auf die beiden folgenden Bände freuen kann.