Lucky Luke: Die große Spielfilm-Collection (4 Blu-
Lucky Luke: Die große Spielfilm-Collection (4 Blu-rays)
Regisseur: Henri Gruel, Morris, Pierre Watrin, René Goscinny
Bildformat: 16:9
Filmlänge: ca. 330 Minuten
Sprachen: Deutsch
Tonformat: DTS-HD Master Audio 5.1+2.0
Untertitel: Deutsch
Studiocanal
Mit dieser Blu-ray-Collection vereint Studiocanal die vier abendfüllenden Zeichentrickabenteuer des wohl berühmtesten Cowboys der Comicgeschichte. Über mehrere Jahrzehnte hinweg entstanden, spiegeln die Filme nicht nur die Entwicklung des Animationskinos wider, sondern zeigen auch, wie unterschiedlich sich der unverwechselbare Humor von Morris und René Goscinny auf die Leinwand übertragen lässt. Das Ergebnis ist eine abwechslungsreiche Reise durch den Wilden Westen, bei der natürlich auch Jolly Jumper, Rantanplan und die notorisch erfolglosen Dalton-Brüder nicht fehlen dürfen.
Den Anfang macht „Lucky Luke – Daisy Town“ (1971), der erste abendfüllende Zeichentrickfilm um den einsamen Cowboy. In einer frisch gegründeten Westernstadt, die innerhalb kürzester Zeit vom friedlichen Nest zum chaotischen Sammelbecken zwielichtiger Gestalten wird, soll Lucky Luke für Recht und Ordnung sorgen. Dabei bekommt er es mit Revolverhelden, Spielern, Banditen und schließlich den Daltons zu tun. Besonders reizvoll ist die Art, wie hier nahezu sämtliche Klischees des klassischen Westernkinos genüsslich auf die Schippe genommen werden. Die Animationen wirken gelegentlich noch etwas ungelenk, doch der enorme Einfallsreichtum, die temporeichen Gags und die gelungenen musikalischen Einlagen machen das problemlos wett. Auch der Einfluss amerikanischer Cartoon-Klassiker ist unverkennbar. Der Film besitzt einen herrlich respektlosen Charme und zeigt Lucky Luke noch mit seiner obligatorischen Zigarette, bevor diese später dem politisch korrekteren Grashalm weichen musste.
Mit „Lucky Luke – Sein größter Trick“ (1978) erreichte die klassische Zeichentrickära ihren künstlerischen Höhepunkt. Entstanden in den von Goscinny, Albert Uderzo und Georges Dargaud gegründeten Studios Idéfix, präsentiert sich das Abenteuer deutlich aufwendiger und geschlossener als sein Vorgänger. Diesmal müssen die Daltons eine ungewöhnliche Erbschaft antreten. Ihr verstorbener Onkel hat ihnen ein Vermögen hinterlassen, allerdings nur unter der Bedingung, dass sie sämtliche Mitglieder der Jury beseitigen, die ihn einst zum Tode verurteilte. Lucky Luke übernimmt die undankbare Aufgabe, die vier Ganoven auf ihrer mörderischen Reise zu begleiten. Daraus entwickelt sich eine ebenso turbulente wie herrlich absurde Westernkomödie voller skurriler Begegnungen und liebevoll karikierter Figuren. Die abwechslungsreiche Inszenierung, die ausdrucksstarken Animationen und die musikalischen Zwischenspiele sorgen für beste Unterhaltung. Eine besondere Qualität erhält die deutsche Fassung durch Reinhard Mey, der die Lieder des erzählenden Bänkelsängers interpretiert. Gerade diese Mischung aus Westernparodie, Musical und klassischem Zeichentrick macht den Film zu einem der schönsten Lucky-Luke-Abenteuer überhaupt.
Einen deutlichen Qualitätsabfall bedeutet dagegen „Lucky Luke – Das große Abenteuer“ (1983). Anders als die beiden Vorgänger entstand dieser Film nicht als eigenständige Kinoproduktion, sondern setzt sich aus drei Episoden einer Fernsehzeichentrickserie des amerikanischen Hanna-Barbera-Studios zusammen. Im Mittelpunkt stehen die Geschichten „Die Daltons im Blizzard“, „Ma Dalton“ und „Die Daltons bewähren sich“. Inhaltlich bleibt man damit durchaus nah an den bekannten Comicvorlagen, doch die vergleichsweise einfachen Animationen, die häufig wiederverwendeten Bewegungsabläufe und die episodische Erzählweise lassen kaum echtes Kinogefühl aufkommen. Was in kurzen Fernsehabenteuern noch funktioniert, wirkt über Spielfilmlänge stellenweise etwas zäh. Dennoch besitzt auch dieser Beitrag einen gewissen nostalgischen Reiz, nicht zuletzt durch Freddy Quinns eingängiges Titellied „Bang Bang, Lucky Luke“. Für Komplettisten gehört der Film ohnehin dazu, auch wenn er qualitativ klar hinter den übrigen Produktionen zurückbleibt.
Umso erfreulicher fällt „Lucky Luke, Go West!“ (2007) aus, der nach langer Pause noch einmal eindrucksvoll beweist, welches Potenzial in einer sorgfältig umgesetzten Zeichentrickadaption steckt. Die Geschichte orientiert sich lose am Comic „Kalifornien oder Tod“ und schickt Lucky Luke gemeinsam mit den Daltons und einer bunt zusammengewürfelten Gruppe von Siedlern auf eine abenteuerliche Reise quer durch Amerika. Ausgangspunkt ist New York, wo die vier Brüder einmal mehr für reichlich Chaos sorgen. Anschließend gilt es, innerhalb von 80 Tagen die Westküste zu erreichen, damit die Siedler ihre Ansprüche auf das versprochene Land nicht verlieren. Natürlich lassen die Daltons keine Gelegenheit aus, die Reise durch ihre Fluchtversuche zusätzlich zu erschweren. Der Film überzeugt durch seine liebevolle Gestaltung, schwungvolle Actionsequenzen und eine Vielzahl wunderbar beobachteter Charaktere. Besonders erfreulich ist, wie selbstverständlich die klassischen Zeichnungen und der typische Humor der Comics in eine moderne, dennoch traditionsbewusste Animationssprache übertragen werden. Die Geschichte besitzt Tempo, Witz und Herz, ohne den Geist der Vorlage zu verraten. Bedauerlich bleibt lediglich, dass dieses gelungene Abenteuer seinerzeit keinen regulären deutschen Kinostart erhielt.
Die Blu-ray-Präsentation bietet die vier Filme im 16:9-Format mit deutscher Tonspur in DTS-HD Master Audio 5.1 beziehungsweise 2.0. Naturgemäß fallen die visuellen Unterschiede zwischen den Produktionen erheblich aus. Während die älteren Filme ihre Herkunft aus einer Zeit handgezeichneter Animationen nicht verbergen können und gelegentlich einfachere Hintergründe oder eingeschränkte Bewegungsabläufe zeigen, präsentiert sich insbesondere „Go West!“ deutlich detailreicher und farbenprächtiger. Die HD-Auflösung macht die unterschiedlichen Zeichenstile gut nachvollziehbar, ohne die historischen Produktionen künstlich modern erscheinen zu lassen. Auch akustisch steht der Charakter der jeweiligen Entstehungszeit im Vordergrund. Die Dialoge sind verständlich, Musik und Geräusche werden sauber wiedergegeben, wobei die neuere Produktion erwartungsgemäß räumlicher und dynamischer klingt.
Besonders erfreulich ist die Ausstattung mit Bonusmaterial. Das eigentliche Glanzstück bildet die rund 88-minütige Dokumentation „René Goscinny – Ein Leben für den Humor“, die einen faszinierenden Einblick in das Leben und Schaffen des legendären Szenaristen gewährt. Private Filmaufnahmen, historische Ausschnitte und zahlreiche Wortmeldungen bedeutender französischer Comiczeichner und Autoren zeichnen das Porträt eines Mannes, dessen Einfluss auf die europäische Comicgeschichte kaum überschätzt werden kann. Die französischsprachige Dokumentation lässt sich mit deutschen Untertiteln verfolgen. Ergänzt wird das Angebot durch Trailer, interessantes Material zur Entstehung von „Lucky Luke, Go West!“, vier Artcards beziehungsweise Postkarten und ein 24-seitiges Booklet mit einem kenntnisreichen Beitrag von Volker Hamann. Gerade die Hintergrundinformationen zur Comicgeschichte verleihen der Edition einen zusätzlichen Sammlerwert.
Mit „Lucky Luke: Die große Spielfilm-Collection“ erhält der berühmte Westernheld eine schöne und längst überfällige Würdigung seiner Zeichentrickgeschichte. Nicht jeder der vier Filme erreicht dasselbe Niveau, doch gerade die Unterschiede machen den besonderen Reiz dieser Zusammenstellung aus. „Daisy Town“ begeistert mit seinem anarchischen Humor, „Sein größter Trick“ glänzt als aufwendig inszenierter Klassiker, „Das große Abenteuer“ bietet nostalgische Fernsehunterhaltung und „Go West!“ führt eindrucksvoll vor, wie gut Lucky Luke auch im modernen Animationskino funktioniert. Zusammen mit dem gehaltvollen Bonusmaterial entsteht eine attraktive Edition, die nicht nur eingefleischte Comicfans anspricht, sondern auch Liebhabern klassischer Zeichentrickfilme viel Freude bereiten dürfte. Und eines steht nach rund fünfeinhalb Stunden Westernspaß ohnehin fest: Lucky Luke reitet noch immer schneller in den Sonnenuntergang, als sein Schatten folgen kann.
EXTRAS
Trailer
Dokumentation über René Goscinny
Artcards
Booklet